Mobilität der Zukunft: Wie sich eine ganze Branche verändert

Autonomes Fahren ist ein Trendthema in der Automobilindustrie. Das Silicon Valley, aber auch die deutschen Autobauer arbeiten mit Hochdruck an intelligenten Technologien für selbstfahrende Autos, die nicht nur die private Nutzung von eigenen Pkws verändern, sondern auch den Transportsektor revolutionieren werden. Sie schaffen neue Dienstleistungen und verändern die Bedürfnisse der Menschen nachhaltig. In unserem Artikel nehmen wir Zukunftsvisionen unter die Lupe und zeigen Chancen für die Verkehrsbetriebe auf.

Es ist schon über 100 Jahre her, dass Pioniere wie Carl Benz oder Henry Ford den Grundstein für den Erfolg der Automobilindustrie in Deutschland gelegt haben. Seit dieser Zeit ist der Automobilbau zum Aushängeschild deutscher Leistungsfähigkeit und Innovationskraft geworden. Kaum eine andere Branche investiert so viel in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien. Und eben genau diese neuen Technologien werden die Automobilindustrie, aber auch den gesamten öffentlichen Verkehr in den nächsten Jahren vor enorme Herausforderungen stellen. Die Aufrüstung des modernen Automobils mit digitaler Technik und die fortschreitende Vernetzung verändern nicht nur das Autofahren. Vielmehr wird das autonome Fahren die gesamte Branche auf den Kopf stellen.

Ein Blick in die Glaskugel: Vision vom autonomen Fahren

Wohlig gleiten die Passagiere in elegant geformte Lounge-Chairs. Unendliche Beinfreiheit, edler Parkettboden, silbergraues Nappaleder und Touchdisplays in der Wandverkleidung laden zum Verweilen ein. Nein, wir befinden uns nicht im Erste-Klasse-Abteil eines Luxus-Jets. Wir befinden uns im Innenraum des Mercedes Benz F015. Gewiss kein Auto, das man mal eben beim Händler seines Vertrauens erstehen könnte. Sondern ein Zukunftsmodell, das verrät, wie sich Mercedes das Auto von übermorgen vorstellt. Obwohl die Luxus-Karosse über ein Lenkrad verfügt, ist dessen Benutzung keineswegs notwendig. Denn der F015 ist ein autonomes Fahrzeug, das jede erdenkliche Verkehrslage selbstständig meistert.

Quelle: Mercedes-Benz

Was nach ferner Zukunft klingt, wird schon bald Realität sein. Schon in einigen Jahren werden selbstfahrende Autos ein gewohnter Anblick im täglichen Straßenverkehr sein. PS, Sportlichkeit oder die allseits bekannte „Freude am Fahren“ rücken dabei immer mehr in den Hintergrund. Die Bedürfnisse des Menschen – die sogenannte „quality time“ – während man von A nach B kommt werden immer wichtiger.

Fährst du noch oder lebst du schon?

Diese Zeit gehört Dir“ – mit diesem Slogan wirbt derzeit die Deutsche Bahn. Die im April 2015 gestartete Kampagne soll die Vorteile einer Reise mit der Bahn herausstellen: „Unsere Kunden kaufen nicht nur ein Ticket, um von A nach B zu reisen. Sie bekommen auch etwas, das heute so relevant ist wie nie zuvor: Zeit für sich im Zug, die sie individuell nutzen können“, so Berthold Huber, Vorstandsvorsitzender der DB Fernverkehr AG.

Aber was, wenn das in Zukunft auch autonom fahrende Autos bieten können? Wenn wir neue Möglichkeiten haben, uns während des Fahrens anderweitig zu beschäftigen? Frühstücken, Zeitung lesen oder aber die Präsentation für den nächsten Tag vorbereiten – alles Beschäftigungen, die wir z.B. heute schon in der Bahn beobachten können. Im Gegensatz zur Bahn ist der eigene Pkw aber von einer gewissen Privatsphäre geprägt, die viele Menschen besonders schätzen. Telefonieren, schlafen und online surfen kann dann auch während der Fahrt passieren. Am Zielort steigt man vor der Tür aus, danach sucht sich das Fahrzeug selbstständig einen Parkplatz – oder es steht anderen Personen zur Verfügung. Auch Fahren ohne Führerschein würde Realität werden, wenn sogar die Kinder automatisch zum Fußballtraining oder zur Ballettstunde gefahren werden. Die Einführung autonomer Fahrzeuge verändert also nicht nur unseren Alltag. Die sich wandelnden Bedürfnisse und Anforderungen an Fortbewegungsmittel erreichen völlig neue Dimensionen.

Chancen und Risiken für den ÖV

Pointiert ausgedrückt könnte das autonome Fahrzeug in naher Zukunft ein Teil des öffentlichen Verkehrssystems werden. Es könnte aber auch in weiten Teilen die Notwendigkeit des heutigen öffentlichen Nah- und Fernverkehrs in Frage stellen, denn das autonome Fahren macht nicht nur die private Nutzung von Pkws wesentlich attraktiver. Auch CarSharing-Anbieter wie car2go und DriveNow könnten durch die Einführung autonomer Fahrzeuge den lang ersehnten Durchbruch schaffen und zum bevorzugten Verkehrsmittel werden. Mit nur einem Klick bestellt, kommt der Wagen zum gewünschten Ort, am Ziel angekommen fährt er selbstständig zurück. Dass dies längst keine Utopie mehr ist, zeigen die jüngsten Unternehmungen von Google und Uber im Hinblick auf autonomes Fahren. Die Alleinstellungsmerkmale des ÖV, wie Bequemlichkeit, Entfall der Parkplatzsuche oder die individuelle Gestaltung der Reisezeit, gehen verloren. Warum sollte man da noch Bus oder Bahn fahren?

Für die Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde gilt es aus strategischer Sicht, sich als Integrator von Mobilitätsangeboten zu positionieren und sich bereits heute mit den Kunden zu vernetzen und ihnen neue Services zu bieten. So arbeitet die Deutsche Bahn beispielsweise an einer Idee, ihr Angebot zu erweitern: In Zukunft sollen neben Zügen auch Flotten mit autonom fahrenden Autos durch ganz Deutschland fahren. So will man auf die Zukunftsentwicklungen reagieren und die Vorteile des autonomen Fahrens mit denen der Bahn vereinen. Auch mit der App „Qixxit“ stellte die DB bereits erste Weichen für die Entwicklung zum Multimobilitäts-Anbieter.

Der Wandel der Mobilität ist unvermeidbar

Die jüngsten Entwicklungen haben gezeigt, dass autonomes Fahren inzwischen nicht mehr nur eine Zukunftsvision ist. Es ist vielmehr nur noch eine Frage der Zeit, bis Hersteller und Entwickler die Technologie praxistauglich machen. Die Möglichkeit, die Fahrtzeit nach seinem Belieben zu gestalten, wird unser Nutzerverhalten nachhaltig verändern. Dabei wächst das jeweilige Transportmittel – Bus, Bahn oder Pkw – über seine eigentliche Rolle hinaus und wird zum mobilen Lebensraum. Verkehrsunternehmen, die die Chancen erkennen und sich zum umfangreichen Mobilitätsanbieter wandeln, werden zu den zentralen Akteuren der Mobilität der Zukunft.

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